Blindheit in der Gesellschaft - Historischer Wandel und interdisziplinäre Zugänge

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Campus - Blindheit in der Gesellschaft - Historischer Wandel und interdisziplinäre Zugänge

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Beschreibung

Infolge der wachsenden Zahl blinder und sehbehinderter Menschen ist der Verlust des Gesichtssinns heute von großer medizinischer und gesellschaftlicher Bedeutung. Dieser interdisziplinär angelegte Band erweitert die aktuelle Debatte um eine historische Tiefendimension: Gefragt wird unter anderem danach, welche Vorstellungen über Menschen mit Sehbehinderungen in früheren Gesellschaften existierten und wie sich die Lebenslagen der Betroffenen und die Behandlungsmethoden von Blindheitserkrankungen wandelten.

Weitere Informationen

Exzerpt:
Potenziale und Grenzen einer multi- bzw. interdisziplinären Analyse von Blindheit als gesellschaftlichem Phänomen
Alexa Klettner und Gabriele Lingelbach
Der vorliegende Sammelband, in dem sich Expertinnen und Experten aus sehr unterschiedlichen Disziplinen zum Phänomen der Blindheit äußern, ist ein Projekt, das auf einer intellektuellen Neugierde auf eine andere, für einen selbst unbekannte und auch unerwartete wissenschaftliche Sichtweise basiert. Die Idee zu diesem Vorhaben wurde geboren aus angeregten Gesprächen zwischen einer in der Medizin tätigen Naturwissenschaftlerin und einer Historikerin, also Vertreterinnen zweier Fachgebiete, die sich trotz teilweise gemeinsamer Forschungsgegenstände normalerweise nicht austauschen, vielleicht, weil sie glauben, sich nichts zu sagen zu haben. In den gemeinsamen Diskussionen wurde schnell deutlich, wie unterschiedlich die jeweiligen (Fach)Sprachen von Medizin und Geschichtswissenschaft sind und in welchem Maße sich hier unterschiedliche Denkschulen gegenüberstanden. Und ebenso wurde schnell deutlich, dass die Auseinandersetzung mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die andere Ansichten, andere Denkrichtungen vertreten und eine andere Nomenklatur verwenden, anstrengend sein kann und ein hohes Maß an Offenheit und, um ein vielstrapaziertes Wort zu bemühen, Toleranz (nicht Akzeptanz!) voraussetzt. Zugleich zeigte sich aber auch, dass gerade die Diskussionen mit dem Anderen uns dazu bringen, unsere eigenen Ansichten zu hinterfragen. Indem man den eigenen Echoraum, die eigene Disziplin auch einmal verlässt, ist man in der Lage, sich jene Anregung zu holen, die die eigenen Überzeugungen ins Wanken bringen oder aber auch stärken bzw. weiterentwickeln kann.
Die ursprüngliche Idee, den gemeinsamen Forschungsgegenstand auch gemeinsam in den Blick zu nehmen, mündete 2016 in einer interdisziplinären bzw. multidisziplinären Tagung über Blindheit in Deutschland, die von den Herausgeberinnen dieses Bandes mit der finanziellen Unterstützung der Dr. Gabriele Lederle Stiftung organisiert und durchgeführt wurde. Hier trafen sich Mediziner, Soziologen, Pädagogen, Kunsthistoriker, Psychologen und Historiker, um ihre jeweils eigenen, auf Blindheit bezogenen Forschungen einem ebenfalls multidisziplinären Publikum zu präsentieren und zur Diskussion zu stellen. Einige der (überarbeiteten) Vorträge finden sich, ergänzt um weitere eingeworbene Beiträge, in diesem Buch wieder, das auch einem breiteren Publikum die Möglichkeit geben soll, sich dem Thema Blindheit aus einer interdisziplinären Perspektive anzunähern. Bei der Auswahl der Texte wurde darauf geachtet, blinde und nichtblinde Autorinnen und Autoren zu Wort kommen zu lassen. Ebenso war es ein Anliegen, dass in dem Band sowohl Geistes- als auch Sozialwissenschaftlerinnen sowie Mediziner vertreten sind, um das Thema ›Blindheit‹ in möglichst vielen Facetten zu beleuchten. Geeint werden alle Beiträge durch die Einordnung von Blindheit als gesellschaftlichem Phänomen, dementsprechend wurde darauf verzichtet, rein naturwissenschaftliche Texte in das Sample aufzunehmen. Nur über diese thematische Fokussierung konnte ein hinreichend umrissenes gemeinsames Untersuchungsobjekt und miteinander kompatible Fragestellungen gefunden werden. Um ein möglichst hohes Maß an Kohärenz zwischen den einzelnen Beiträgen zu gewährleisten, liegt zudem der Fokus auf historischen Entwicklungen und gegenwärtigen Aspekten von Blindheit in Deutschland. Ausblicke auf Entwicklungen in anderen Ländern kommen nur am Rande vor.
Erblindung und Blindheit - quantitative und qualitative Annäherungen

Erblindung ist ein medizinisches und gesellschaftliches Phänomen von hoher Relevanz, sowohl in der gesamten Welt als auch in Deutschland: Global wird davon ausgegangen, dass heutzutage etwa 32,4 Millionen Menschen erblindet sind und circa 191 Millionen Menschen eine schwere Sehbehinderung haben. Genaue Zahlenangaben für Deutschland gibt es nicht, aber aufbauend auf Angaben des Blindenverbandes und extrapoliert aus bewilligten Anträgen auf Blindengeld schätzte man kurz nach der Jahrtausendwende, dass zwischen 82.000 und 155.000 erblindete Menschen und zwischen 500.000 bis 1,2 Millionen schwer sehbehinderte Menschen in Deutschland lebten. Dabei hat die Zahl der blinden Menschen in den letzten ca. 100 Jahren deutlich zugenommen. In der sogenannten Gebrechlichenzählung der Jahre 1925/1926 wurden etwa 40.000 Betroffene registriert, eine Studie aus dem Jahr 2000 ging dagegen von 120.000 erblindeten Menschen in Deutschland aus. Inwiefern dieser Trend zur Zunahme anhalten wird, ist allerdings umstritten. In Anbetracht der demographischen Prognosen, die einen Anstieg der über 60-Jährigen von 19,9 Millionen im Jahr 2001 auf 24,6 Millionen für 2020 und 27,6 Millionen für 2050 bei einer Abnahme der deutschen Gesamtbevölkerung von 82 Millionen auf 75,1 Millionen Menschen erwarten, rechnen einige Forscherinnen und Forscher mit einem massiven Anstieg der Anzahl von erblindeten und sehbehinderten Menschen und sagen eine zum Teil dramatische Zunahme von Erblindungen in Deutschland voraus. Sogar von einer "sozioökonomischen Zeitbombe" ist die Rede. Andere Autoren gehen in Anbetracht der sich verbessernden Behandlungsmethoden hingegen nicht von einer Erhöhung der Zahl der Erblindungen aus. Die pessimistischen Extrapolationen machen für die prognostizierte Entwicklung vor allem die fortgeschrittene altersabhängige Makuladegeneration verantwortlich, eine im Alter häufig auftretende Erkrankung, welche die Hauptursache für Erblindungen in der westlichen Welt darstellt. Experten rechnen für das Jahr 2020 mit gut einer Million Patienten und Patientinnen mit altersabhängiger Makuladegeneration in Deutschland. Diese Zahlen suggerieren, dass sich unsere Gesellschaft auf eine zunehmende Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern mit schweren Sehbehinderungen einstellen sollte.
Die hier nur kurz umrissene Problematik wird im vorliegenden Sammelband in dem Beitrag des Mediziners Klaus Rohrschneider genauer dargestellt, der auf die Entwicklung von Erblindungsphänomenen in Deutschland während der letzten 100 Jahre eingeht und dabei auch die verschiedenen Ursachen von Erblindung thematisiert. Dabei rekurriert er auf eine in der Medizin, aber auch in der Sozialgesetzgebung übliche Definition von Erblindung, die nicht gleichbedeutend mit dem kompletten Verlust des Gesichtssinns ist, sondern auch starken Sehverlust umfasst. Weiterhin legt Klaus Rohrschneider dar, in welchem Maße die Diagnosestellung vom jeweils zeitgenössischen Wissen und den jeweiligen Behandlungspraktiken abhing. So kann er den Wandel im Hinblick auf die gestellten Diagnosen aufzeigen. Ebenso betont der Beitrag, dass die verbesserte medizinische Versorgung zu Veränderungen bei den Erblindungsursachen führte. Doch auch Klaus Rohrschneider stellt heraus, dass die absolute Zunahme von Erblindungen vor allem auf demographische Entwicklungen zurückzuführen ist.
Die in den medizinischen Studien aufgeführten Prognosen für die Entwicklung von Blindheit und Sehbehinderung stellen als deren Folgen meist die angenommenen Kosten für Therapie und Versorgung in den Mittelpunkt. Diese fiskalische Argumentation ist aber überaus einseitig, hat doch die Erblindung gerade von älteren Menschen auch einen wesentlichen Einfluss auf deren psychische Verfassung. Dieser Dimension von Sehverlust im höheren Lebensalter widmet sich im vorliegenden Sammelband der Psychologe Hans-Werner Wahl, der den Zusammenhang zwischen Seheinschränkung und kognitiver Leistung sowie Wohlbefinden im Alter ebenso beleuchtet wie den diesbezüglichen Interventionsbedarf. Im Hinblick auf das seelische Wohlbefinden der Betroffenen ergeben seine Untersuchungen, dass dieses nach einem initialen Abfall zu Beginn der Erkrankung im Laufe der Zeit wieder ansteigen kann, um schließlich bei einem Rückgang der Alltagsselbständigkeit wieder abzufallen. Der Zusammenhang zwischen Alltagskompetenzen und positiver emotionaler Gestimmtheit ist dabei auffällig, was die Bedeutung einer fallspezifischen, alltagspraktischen Rehabilitation für die betroffenen älteren Menschen unterstreicht. Der Autor plädiert in diesem Zusammenhang für die Implementierung von selfmanagement- und Körperbewegungsprogrammen, die zum einen Stress und Depressionsrisiken reduzieren sowie zu einer Zunahme an Wohlbefinden führen und zum anderen die Beweglichkeit der Patienten und Patientinnen verbessern können. Neben den positiven Effekten für die Betroffenen könnten solche Programme außerdem die psychosozialen Kosten senken. Allerdings sind diese Angebote noch wenig verbreitet, was der Autor unter anderem auf die mangelnde Kenntnis um diese, auf die unklare Kostenerstattungssituation und auf eine rehabilitationsfeindliche Altersdiskriminierung zurückführt.
Natürlich sind in dieser Diskussion die Frage der medizinischen Versorgung und die Forderung nach der Bereitstellung der notwendigen Ressourcen wichtig und berechtigt - doch umfasst die Herausforderung viel mehr als nur eine medizinische Versorgung und die Rehabilitation. Weiteren gesellschaftlichen Aspekten, wie beispielsweise dem gesellschaftlichen Umgang mit Menschen mit Sehbehinderung oder der Gestaltung eines (seh-)behindertengerechten öffentlichen Raumes, wird allerdings in vielen mit Blindheit befassten wissenschaftlichen Disziplinen eher wenig Beachtung geschenkt. Dabei ist die Frage nach dem Umgang mit Menschen mit Sehbehinderung oder Blindheit eine, welche die ganze Gesellschaft betrifft, inbegriffen der persönlich durch Krankheit, aber auch durch die Pflege Betroffenen, aber auch der politischen und der administrativen Entscheidungsträger, die die Rahmenbedingungen für den gesellschaftlichen Umgang gestalten müssen, wie darüber hinaus auch der Gesamtgesellschaft, die sich dieser Herausforderung stellen muss. Dies betonen die hier präsentierten Beiträge von Natalie Geese und Wilfried Rudloff. So beschreibt die Soziologin Natalie Geese, wie blinde oder stark sehbeeinträchtigte Menschen in der Öffentlichkeit in alltäglichen Situationen mit Barrieren konfrontiert sind, seien es Blumenkübel in Innenstädten, die für blinde Menschen Hindernisse und potenzielle Gefahrenquellen darstellen, oder Glasscherben auf Gehwegen, die für Führhunde ein Verletzungsrisiko bedeuten. Im Zentrum des Beitrages stehen dabei die Vor- und Nachteile der verschiedenen Mobilitätsassistenzen für blinde Menschen - der weiße Langstock, der Führhund und die sehende menschliche Assistenz - und wie diese im Alltag eingesetzt werden können, um Barrieren zu begegnen. Zugleich wird darauf hingewiesen, welche gesellschaftlichen Maßnahmen nötig sind, um die Vorteile der jeweiligen Mobilitätsassistenzen zu erhöhen, die Nachteile zu minimieren.
Der Historiker Wilfried Rudloff konzentriert sich in seinem Beitrag auf einen anderen Aspekt des gesellschaftlichen Umgangs mit dem Phänomen der Blindheit, indem er erläutert, wie staatliche Stellen insbesondere über die Sozialgesetzgebung auf die Lebensumstände blinder und stark sehgeschädigter Menschen in Deutschland in den vergangenen 100 Jahren eingewirkt haben, um so auch die Unterschiede zwischen vier konsekutiven unterschiedlichen politischen Systemen herauszustellen. Dabei kann er aufzeigen, dass Blinde im Vergleich zu anderen Gruppen von Menschen mit Behinderungen relativ früh staatliche Hilfsangebote und Leistungen erhielten, zugleich aber die sogenannten Zivilblinden gegenüber den sogenannten Kriegsblinden noch lange benachteiligt wurden. Diese Unterschiede sind teilweise auf Aktivitäten selbstadvokatorisch ausgerichteter Interessenorganisationen von Betroffenen zurückzuführen, aber auch auf Bilder und Vorstellungen von Blindheit und blinden Menschen, die in den jeweiligen Gesellschaften kursierten und die sozialpolitischen Entscheidungen beeinflussten.
Interdisziplinarität
Die vorangegangenen Kurzdarstellungen belegen bereits den mit diesem Sammelband verbundenen Versuch, sich dem Phänomen der Blindheit interdisziplinär anzunähern. Interdisziplinarität hat sicherlich einen guten Ruf: Wer sie in der akademischen Welt im Munde führt, tut dies oftmals affirmativ, gilt sie doch bei aller immer noch vorherrschenden inhaltlichen Unbestimmtheit als eine Möglichkeit, den negativen Konsequenzen der zunehmenden wissenschaftlichen Spezialisierung und damit der Tendenz entgegenzutreten, dass die einzelnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler immer mehr über immer weniger wissen. Interdisziplinarität - entweder als fächerübergreifendes Nachdenken und Forschen über einen gemeinsamen Gegenstand oder als fächerübergreifende Anwendung einer gemeinsamen Methode bzw. als "Anwendung von Theorien, Modellen oder Methoden eines Faches für ein anderes" oder aber als forschungspraktische Kooperation beispielsweise in einem Forschungsverbund - wird mithin oft eingefordert, allerdings bleibt es häufig bei Lippenbekenntnissen. Beispiele der praktischen Umsetzung sind seltener als man angesichts der häufigen Erwähnung des Begriffs glauben mag, und damit mangelt es auch an erfahrungsgesättigten ›Anleitungen‹, wie interdisziplinäre Zusammenarbeit gelingen kann. In diesem Sinne ist der vorliegende Sammelband ein besonders gewagtes Experiment: Zwar eint alle Beiträge das gemeinsame Thema namens ›Blindheit‹, doch sind die disziplinären Hintergründe und damit auch die Wissenskulturen der Autorinnen und Autoren denkbar disparat. Damit geht der Grad an Interdisziplinarität über das hinaus, was sonst üblich ist, finden sich doch Beiträge aus zwei Großgruppen der Wissenschaften zwischen zwei Buchdeckeln vereint - einerseits den Geistes- und Sozialwissenschaften, andererseits der Medizin. Somit sind Disziplinen, die sich "räumlich, zeitlich und sozial begrenzten, oftmals kontingenten Kontexten" widmen, ebenso vertreten wie Disziplinen, die sich eher das Ziel setzen, Gesetzmäßigkeiten aufzudecken. Brückenschläge dieser weiten Art zwischen dem, was im englischen sogar sprachlich getrennt wird zwischen humanities auf der einen Seite und sciences auf der anderen sind äußerst selten. Im akademischen Alltag treffen beispielsweise Mediziner und Germanistinnen nur überaus selten aufeinander, Gelegenheiten zum gegenseitigen Austausch zwischen Physikerinnen und Ethnologen halten sich in der Regel ebenfalls in engen Grenzen. Das Universitätssystem generiert nur selten Gelegenheiten, zufällig miteinander zu sprechen. Aber auch intendierte Kontaktaufnahmen kommen kaum vor, der Wille zum gegenseitigen wissenschaftlichen Austausch ist beschränkt, auch, weil die potenziellen Probleme, die bei einer solchen Zusammenarbeit entstehen können, nur allzu offensichtlich sind.
Denn tatsächlich trennt die Natur- und die Geistes- bzw. Sozialwissenschaften vieles. Dies beginnt bereits bei der Gegenwartsrelevanz und dem Anwendungsbezug, die den verschiedenen Fächern zugewiesen werden und damit auch der gesellschaftlichen Rolle, die sich Natur- bzw. Geisteswissenschaftler zuschreiben. So kann man zwar sicherlich bei den Naturwissenschaften zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung unterscheiden, doch selbst bei ersterer wird vorausgesetzt, dass sie letztlich Ergebnisse erbringen wird, die beispielsweise unser Verständnis von Krankheiten verbessern oder auch für therapeutische oder präventive Maßnahmen einsetzbar oder in technologische Innovationen umsetzbar sein könnten. Darüber wird den Naturwissenschaften eine gesellschaftliche Legitimität zugesprochen, die ihre Existenzgrundlage sichert. Die meisten Geistes- und viele Sozialwissenschaftlerinnen können dagegen lediglich eine mittelbare gesellschaftliche Relevanz für sich beanspruchen, etwa, wenn Historikerinnen betonen, dass sie zur Selbstaufklärung von Gegenwartsgesellschaften beitragen, wenn sie das Gewordensein des Jetzts analysieren oder Soziologen die Kritikfähigkeit und -kompetenz ihrer Zeitgenossen sowie deren Analysefähigkeit in Bezug auf gesellschaftliche Phänomene mithilfe ihrer Forschungen erhöhen wollen. Dieser Unterschied spiegelt sich auch in den Beiträgen dieses Bandes wider, finden sich hier doch sowohl Aufsätze, die Vorschläge unterbreiten, wie die Lebenssituation und der Alltag von erblindenden oder blinden Menschen konkret verbessert, wie ihre Bedürfnisse besser berücksichtigt werden können, als auch Untersuchungen, die beispielsweise aufzeigen, welche Handlungsspielräume blinde Menschen in früheren Gesellschaften hatten oder welche Bilder und Stereotypen in Bezug auf blinde Menschen früher kursierten, sodass dem Leser und der Leserin in der Gegenwart verdeutlicht werden kann, wie gesellschaftlich bzw. situativ bedingt und damit variabel vermeintlich unwandelbare Lebenslagen und Bilder von Menschen mit Sehbehinderungen sein können.
Des Weiteren ist auf grundsätzliche epistemologische Unterschiede hinzuweisen: Für Naturwissenschaftlerinnen existiert, zumindest im naturwissenschaftlichen Selbstverständnis, ihr Forschungsgegenstand unabhängig vom Betrachter und kann als solcher untersucht werden, das empirische Material ist also unmittelbar zugänglich. Geistes- und Sozialwissenschaftler hingegen betonen stärker, dass sie ihre Untersuchungsgegenstände über ihre Fragestellungen, über die von ihnen verwendeten Begrifflichkeiten, Kategorien, über die Wahl ihres Forschungsdesigns, der heuristisch eingesetzten Theorien usw. konstruieren. Sie wissen zudem um die Historizität und gesellschaftliche Bedingtheit ihrer Forschungen, Fragestellungen, verwendeten Methoden und Theorien. Daher sind sie stets aufgefordert, ihre Grundannahmen und übergreifenden Fragestellungen offenzulegen und zu begründen, warum sie mit welchen Kategorien, Methoden, Theorien und Modellen arbeiten. In ähnlicher Form gilt letzteres allerdings auch für die Naturwissenschaftler, die ebenfalls ihre Fragestellungen definieren und ihre Methoden und verwendeten Modelle rechtfertigen müssen. Fragestellungen, Methoden und Modelle sind dabei ebenso im Laufe der Zeit veränderbar, was aber als durch den wissenschaftlichen Fortschritt bedingte selbstverständliche Weiterentwicklung aufgefasst wird. Die gesellschaftliche Bedingtheit schlägt sich vor allem in der Akzeptanz oder Ablehnung von spezifischen Methoden (Stammzellenforschung, Gentechnik, Tierversuche oder ähnlichen) und in der durch gesellschaftliche Strömungen und Interessen bedingten Wahl von Forschungsschwerpunkten nieder; die Annahme einer außerhalb des Betrachters liegenden Natur der Dinge, die ja der Kern jeder Naturwissenschaft ist, wird davon aber nicht beeinflusst. Dass aber beispielsweise die Verwendung der gebräuchlichen Terminologie und deren Perzeption mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten in Wechselwirkung stehen, wird zwar auch diskutiert, steht aber nicht im Zentrum naturwissenschaftlicher Betrachtung.
Und auch bei den Begrifflichkeiten zeigen sich Unterschiede. Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler formulieren in der Regel insofern voraussetzungsvoll, als sie Fachtermini verwenden, die für Personen, die das Fach nicht studiert haben, meist nicht verständlich sind. Damit sind naturwissenschaftliche Fachartikel für Geistes- und Sozialwissenschaftler und auch für das allgemeine Publikum in der Regel nicht nachvollziehbar. Folglich stehen Vertreterinnen und Vertreter naturwissenschaftlicher und medizinischer Disziplinen hinsichtlich der ›Popularisierung‹ ihrer Erkenntnisse vor besonderen Herausforderungen. Zwar hat die Popularisierung von Forschungsergebnissen für den allgemeinen Leser auch in den Naturwissenschaften eine lange Tradition, doch ist diese als getrennt von der Fachpublikation anzusiedeln. Sicherlich engagieren sich auch durchaus prominente Wissenschaftler bei der Herausgabe populärwissenschaftlicher Bücher, oft erfolgt letzteres aber gerade nicht durch Experten bzw. Autoren, die von der Fachwelt als solche anerkannt werden. Denn insgesamt wird die Popularisierung von Forschungsergebnissen in Wissenschaftskreisen traditionell eher kritisch betrachtet. Generell wird eine sinnentstellende Vereinfachung und, gerade im Fall von Wissenschaftsjournalismus, auch eine Sensationalisierung befürchtet - allerdings zeichnet sich auch hier vielerorts ein Gesinnungswandel ab, sodass es Bestrebungen gibt, medizinische und naturwissenschaftliche Erkenntnisse zusätzlich in anderer Form als in Artikeln in Fachjournalen zu verbreiten.
Bei Geistes- und Sozialwissenschaftlern ist die Problematik anders gelagert: Zwar versuchen zumindest einige von ihnen so zu schreiben, dass es auch ein allgemeines Publikum nachvollziehen kann - angesichts der hohen Verkaufszahlen des einen oder anderen geschichtswissenschaftlichen Sachbuches anscheinend nicht ganz erfolglos - doch steht dahinter in der Regel dennoch eine intensive Begriffsarbeit. Die meisten geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen kennen extensive Diskussionen um die Vor- und Nachteile der von ihnen verwendeten Begriffe, betonen deren Historizität ebenso wie deren weltanschauliche oder epistemologische Implikationen usw. Naturwissenschaftlern (einschließlich der Mediziner) ist eine solche Diskussion eher fremd, da sie es gewohnt sind, mit definierten Begriffen ohne weltanschaulichen Hintergedanken zu arbeiten. Auch dies macht die Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Disziplinen schwierig - wirkt doch die pragmatische Verwendung von auch in der Alltagssprache gebräuchlichen Begriffen für einen Geistes- und Sozialwissenschaftler oft unbedarft. Umgekehrt erfahren naturwissenschaftlich definierte Begriffe auch durch deren Eingang in die Umgangssprache eine "semantische Erosion" , die rückwirkend die verwendeten Begriffe entpräzisieren und mit weltanschaulichen Implikationen aufladen können, die im naturwissenschaftlichen Kontext nicht vorhanden sind.
Dass sich Naturwissenschaften auf der einen und Geistes- und Sozialwissenschaften auf der anderen Seite im Hinblick auf die Verwendung von Begriffen unterscheiden, zeigt sich in besonderem Maße, wenn - wie in diesem Sammelband - Phänomene wie ›Behinderung‹ oder auch ›Blindheit‹ im Zentrum stehen, bei denen viele Bedeutungsebenen mitschwingen. In den Texten von Sozial- und Geisteswissenschaftlern, die sich im Rahmen der disability studies bewegen, findet sich beispielsweise oft der Begriff ›Menschen mit (Seh-)Behinderungen‹. Früher verwendete Vokabeln wie ›Versehrte‹, ›Behinderte‹, ›Blinde‹, ›Schwachsichtige‹ oder gar ›Krüppel‹ werden als diskriminierend verworfen. Vielmehr benutzt man ›Menschen mit Behinderungen‹, gegebenenfalls auch ›behinderte Menschen‹ bzw. ›blinde Menschen‹, um erstens zu betonen, dass die Behinderung den Betroffenen nicht immanent ist und zweitens, weil die so Bezeichneten nicht auf ein Merkmal, nämlich ihre Behinderung, reduziert werden. Dagegen ist der Begriff ›blind‹, wie er in der Medizin, aber auch in juristischen Texten verwendet wird, als eine bestimmte Sehfähigkeit definiert; die Bezeichnung eines Menschen, auf den diese Definition zutrifft, als ›Blinder‹ gilt im medizinischen Kontext als tatsachenkonform. Dabei ist auch zu bedenken, dass es dem Wesen der Medizin immanent ist, sich auf die Körperlichkeit zu beziehen - sind doch die Körperlichkeit und die dort vorherrschenden Abweichungen von der Norm dasjenige, womit sich die Medizin beschäftigt. Eine Reduktion des Menschen auf diese Eigenschaften, wie sie zum Beispiel im Begriff ›Blinder‹ mitschwingt, ist daher dem Kontext geschuldet. All die anderen Eigenschaften und Eigenheiten, die einem blinden Menschen noch innewohnen, stehen, sofern sie nicht ebenfalls von medizinischem Interesse sind, schlicht außerhalb der medizinischen Betrachtungsweise.
Während der Tagung, die diesem Sammelband vorausging, wurde offensichtlich, dass den meisten Medizinern und Medizinerinnen die in den Geistes- und Sozialwissenschaften geführten Diskussionen über adäquate Begrifflichkeiten unbekannt waren. Unter anderem benutzten einige Tagungsteilnehmer die Wörter ›Behinderte‹ oder ›Blinde‹, während vor allem die Geistes- und Sozialwissenschaftler diese Begriffe aus den bereits genannten Gründen eher vermieden. Dem Leser/der Leserin dieses Sammelbandes wird auffallen, dass die beiden Herausgeberinnen darauf verzichtet haben, ›Sprachpolizei‹ zu spielen, sie haben den Autoren die Freiheit gelassen, bei ihrer gewohnten Begrifflichkeit zu bleiben, wenn auch erst nach langen Diskussionen. Denn bei solchen Aspekten gehen nun einmal Geistes- und Naturwissenschaften tatsächlich getrennte Wege, das gilt es zu respektieren.
Sicherlich: Die potenziellen Schwierigkeiten des gegenseitigen Austausches über Disziplingrenzen hinweg, das legen die bisherigen Ausführungen nahe, sind groß, der Mehraufwand an gegenseitigem Erklären und damit auch an Zeit ist deutlich; einige Probleme sind überwindbar, vielfach sind Annäherungen möglich, in einigen Punkten sind aber keine Kompromisse schließbar, ohne dass eine der Seiten auf die eigene identitäre disziplinäre Verortung verzichten müsste - was bei der Reputationsvergabe, die nun einmal innerfachlich funktioniert, problematisch wäre. Kernüberzeugungen und methodische Grundlagen des eigenen Faches, spezifische inhaltliche Füllungen dessen, was für die eigene Disziplin unter Wissenschaftlichkeit verstanden wird, all dies gibt kein Wissenschaftler und keine Wissenschaftlerin leichten Herzens auf, und dies setzt der Interdisziplinarität gewisse Grenzen. Und dennoch vergäbe man sich Vieles, wenn man den interdisziplinären Austausch zwischen Naturwissenschaften und Medizin auf der einen und Geistes- bzw. Sozialwissenschaften auf der anderen Seite von vornherein vermiede. Es sind vor allem die Chancen des Lernens, der produktiven Verunsicherung und der produktiven Missverständnisse, auf die man verzichten müsste.
Denn in den meisten Fällen führt der Kontakt mit den Sichtweisen und Perspektivierungen anderer Fächer auf das eigene Thema zunächst zur
Verwirrung, dann aber gegebenenfalls zur Selbstbefragung und kritischen Reflexion der eigenen Herangehensweisen an und Aussagen über das gemeinsame Thema. Interdisziplinarität kann so das eigene disziplinäre Problembewusstsein schärfen. Besonders weitreichend ist Interdisziplinarität wohl dann, wenn eigene Ansätze im Licht neuer Erkenntnis reformuliert werden können. Hinzu kommt der Zwang zur Erklärung: Implizite und im eigenen disziplinären Rahmen meist unhinterfragte Setzungen müssen dem Gegenüber erläutert werden, und nicht allzu selten führt dies zur Einsicht, dass einige dieser Selbstverständlichkeiten tatsächlich grundsätzlich oder punktuell hinterfragt oder zumindest ergänzt werden sollten. Gegebenenfalls wird so auch das Wissen um die Grenzen des eigenen disziplinären Zugriffs geschärft. Auf jeden Fall führt der Zwang zur expliziten Erläuterung zur klareren Formulierung und damit Präzisierung der eigenen Sichtweise. Darüber hinaus kann der interdisziplinäre Austausch neue Fragestellungen für das eigene Fach generieren, beschäftigt sich doch gegebenenfalls die Kollegin einer anderen Disziplin mit einem Unteraspekt des gemeinsamen Untersuchungsgegenstands, der aus der eigenen disziplinären Perspektive noch gar nicht beleuchtet wurde. So kann Interdisziplinarität auch wie ein Schlüssel zur Erschließung neuer Forschungsfragen fungieren. Zudem besteht die Möglichkeit, sich im interdisziplinären Dialog über Zugänge und Konzepte anderer Fächer dahingehend zu informieren, dass deren Instrumentalisierbarkeit für das eigene Fach erkannt wird - dann dient Interdisziplinarität tatsächlich der "Aufhebung erkenntnishemmender Phänomene des modernen Wissenschaftsbetriebs."
Aber es geht um mehr als nur um intradisziplinäre Lernprozesse: Viele Untersuchungsgegenstände haben eine größere Struktur und Reichweite als einzelne Disziplinen. Um ein vollständigeres oder zumindest adäquateres Verständnis des Forschungsgegenstandes zu erlangen, um Erkenntnisgewinne und Horizonterweiterungen zu ermöglichen, braucht es die Einbeziehung der Forschungsergebnisse weiterer Disziplinen, wie in diesem Sammelband: Blindheit als gesellschaftliches Phänomen lässt sich in einem interdisziplinären Dialog und durch eine multiperspektivische Herangehensweise umfassender verstehen, als wenn sich beispielsweise lediglich Soziologinnen und Soziologen damit befassen würden.
Medientyp:
Taschenbuch
Verlag:
Campus
Biografie:
Alexa Klettner ist Professorin für Experimentelle Retinologie in der Augenklinik des Universitätsklinikums Kiel. Gabriele Lingelbach ist
Professorin für die Geschichte der Neuzeit an der Universität Kiel.
Sprache:
Deutsch
Seitenanzahl:
242
Zusammenfassung:
Infolge der wachsenden Zahl blinder und sehbehinderter Menschen ist der Verlust des Gesichtssinns heute von großer medizinischer und gesellschaftlicher Bedeutung. Dieser interdisziplinär angelegte Band erweitert die aktuelle Debatte um eine historische Tiefendimension: Gefragt wird unter anderem danach, welche Vorstellungen über Menschen mit Sehbehinderungen in früheren Gesellschaften existierten und wie sich die Lebenslagen der Betroffenen und die Behandlungsmethoden von Blindheitserkrankungen wandelten.

Stammdaten

Produkttyp :
Taschenbuch
Verpackungsabmessungen:
0.214 x 0.144 x 0.018 m; 0.31 kg
GTIN:
09783593508184
DUIN:
M6QFDURVD9F
€ 36,00
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